Kreis

The home that i live in

Prolog

Vorgestern war alles zu Ende.

Den von dem Köter zerbissenen Kopfhörer konnte ich nicht reparieren, also bin ich gestern, einen Tag später ohne Musik gelaufen. Die bescheuerte Idee mit dem Fahrradhelm zu joggen habe ich auch entsorgt. Krass, wie schnell man den Schmerz vergisst.

Vergessen ist vermutlich eine zwingende Voraussetzung dafür, sich selbst sagen zu können:

„Steh‘ auf und lauf!“

Ich stehe und bin bereits wieder gelaufen.

Markus?!

Auf den gestrigen Hunde-Post hat Markus blitzschnell reagiert. Ich hatte Euch und ihm Bloggen und Joggen als Pärchen angeboten, und für Markus war das offenbar eine für ihn bestimmte Steilvorlage, die er binnen Minuten abgefeurt hat. Wie gesagt: Seine Reaktion kam unmittelbar.

Markus Gedanken habe ich dann gestern mitgenommen, auf die kurze regenerative Strecke von knapp 8 Kilometern. Und es folgen die klaren Gedanken, die sich unterwegs im Rhythmus meiner Schritte in meinen Kopf tanzten …

Unfug

Ich möchte nicht so weit gehen, wie der wichtige(!!) junge Mann am Samstag, der bei des Tod des Bunny Munro hinter uns saß. Der hatte seine drei Freunde nach dem Stück dermaßen gequält, dass ich hauen wollte.

Wisst Ihr, was ist eigentlich Kunst? Mir ist das ja total egal. Eine weiße Leinwand kann ja auch Kunst sein. Aber man muss schon sehen, dass sich jemand Gedanken gemacht hat, sonst kann das ja jeder. Muss man überhaupt unterscheiden, ob etwas Kunst ist oder nicht? Mir ist das echt egal. Aber alles mögliche als Kunst zu bezeichen finde ich falsch. Ich meine: Hauptsache es gefällt, und wenn es mir gefällt, dann ist es mir doch egal, ob es Kunst ist. […]

Hauen! Hauen! Hauen! Unfug! Hauen!

Heavy Shirts

Er trug eines dieser Heavy-Death-Metal-Brute-Brute-Force-Roooaaar-T-Shirts, auf denen der Bandname erstens nicht zu entziffern und zweitens durch beliebige IKEA-Produktnamen ersetzt werden könnte. Beliebig. [ Anm.: So etwa ähnliche hab ich auch. ]

Ich möchte nicht so weit gehen wie er und fragen: Was ist eigentlich Kunst?

Ich frag‘ nur mal laut: Warum bloggen wir eigentlich?

Es ist wie Einzelhaft

Die beiden Hundebesitzern von vorgestern, wenn es sie denn gäbe, sollten weggeschlossen werden. Zum Schutze der Gesellschaft oder so. Getrennt von Frau und Hund, von Mann und Hund. Jeder allein.

Und dann sitzen die da und können mal darüber nachdenken, mal in aller Denkruhe erarbeiten, was sie hätten anders machen können. Besser machen können. Was nicht gut war.

Und keiner kommt sie besuchen.

Keiner kommt.

Keiner.

Viel später, kurz bevor der erste Funke einer Erleuchtung aufblitzt, haben sie sich nur noch diese eine Frage im Kopf, jeder für sich immer noch allein:

Warum?

Genaus so ist bloggen.

So verstand ich den Post meines Bruders. So ist es wohl auch.

Keiner kommt.

Die Stars spielen vor ausverkauftem Haus, verbeugen sich vor blutig geklatschen Händen und machen sich die Taschen voll – mit Moneten, Groupies und dicken Autoschlüsseln.

Die Kleinen?

Die Kleinen aber sitzen im Dunkeln und hoffen, dass wenigstens die vordere Reihe so aussieht, als wäre diese voll.

Und die ganz kleinen denken vor dem Auftritt immer nur das eine: „Hoffentlich kommt irgendeiner. Sonst fühlt es sich wieder an wie Einzelhaft.“

Unfug – schon wieder

Ja, die Stars haben die Kohle. Punkt. Geld macht nicht glücklich. Punkt.

Es gab mal diesen Blogbeitrag, den ich auf die Schnelle leider nicht wiedergefunden habe, in dem der Autor eine prima These aufstellt.

Robben, Messi, Ribery, Ronaldo, Götze – das sind Stars. Und die sind reich. Die These geht so: Die und viele, viele andere können ausgezeichnet Fußball spielen und es ist eine Freude, ihnen dabei auf die Füße zu schauen. Und dafür bekommen die gaaanz viel Geld. Die machen das aber (a) auch total gerne und (b) können aber oft auch nichts anderes. So wie ein Bäcker oft nur Backen, ein Mathematiker nur Rechnen und ein Arzt nur operieren kann. Vom LKW-Rückwärts-Parken gar nicht erst zu sprechen.

Womit würde ein professioneller Fußballer also sein Geld verdienen, wenn er als Fußballer plötzlich nur noch 5.000 Euro im Monat bekäme?

Fazit der These: Mit Fußball.

Es macht ihm Spaß, er kann nichts anderes und sonst spielen das nämlich andere.

Will sagen: Es geht nicht ums Geld. Wetten dass ..?!

Und mit dem Ruhm sehe ich das so:

30.000 People sind im Stadion. Hören Musik. Live. Vorne auf der Bühne sind einzelne Weltstars und sorgen für ein Wir-Gefühl, dass es nur so quietscht. Das ist wunderbar. Im Fußball nennt man das manchmal: „Die Wand“. In der Musik könnte es „Chor der Massen“ heißen.

Alle stimmen ein und singen mit. Alles wird Liebe. Mit Herz und Seele. Im Rock ’n‘ Roll, so sagt die Legende, sogar mit Körper.

Dieses betörende Wir-Gefühl nehmen wir mit vor das Stadion, mit in die Straßenbahn oder auf den Parkplatz. Es verbindet Fans noch lange nachher und findet sich in Fan-Clubs, Partys, Shirts, Radios, Communitys u.v.m. wieder.

Den Ruhm hingegen nimmt die Band mit ins Hotelzimmer oder den Bus. Robbie Williams ist dann sogar ganz alleine. Dann entstehen neue Lieder wie Feel, in dem er erzählt, was er wirklich braucht: Kein Geld, keinen Ruhm, nur ein sicheres Gefühl, wo sein zu Hause ist.

[…] Feel the home that I live in […]

Und er braucht auch nicht die Massen, sondern nur die eine Hand.

Nur eine einzige Hand?

Wenn ich blogge, ist es fast wie Einzelhaft.

Es kommt fast keiner.

Und ich frage mich: Warum mache ich das?

Ich bedauere die wegbleibenden Massen, die laut Google-Analytics sehr sicher wissen, dass ich kein Weltstar bin. Weit davon entfernt bin. Unerreichbar weit. Spätestens seit Sing Star weiß ich das auf ganzer Linie.

Keine Chance.

In meinem klitzekleinen Publikum sitzen aber immer wieder zwei, drei, deren Augenkontakt ich suche, und wenn die lächeln, ist es mehr als gut genug.

Ich meine: 2, 3.

Ein einzelnes, leises Lob genügt und ich weiß, warum.

Unfug – immer noch

Das waren meine Gedanken auf halber Strecke und ich weiß, dass das plausibel klingen wird.

Ist aber Quatsch.

Eine weitere halbe Strecke liegt noch vor mir, und ich werde genug Zeit haben, das alles wieder zu vergessen.

So einen Unfug.

Kreis

Wenn ich später am Ende Ziel dort ankomme, wo ich losgelaufen bin, ist wie immer keiner da.

Total normal.

Dabei käme nicht im Traum auf die Idee, mich zu fragen: Warum?

Ich dehne mich kurz.

Dann steige ins Auto und fahr‘ nach Hause.

Ein Gedanke zu „The home that i live in“

  1. Sehr gut. Wieder alles richtig.

    Und zu ganz oben mein Mantra, dass ich dann immer solchen Menschen vorbete:

    Wer versucht Kunst zu verstehen, hat Kunst nicht verstanden.

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