Bunny

Mine is the last voice you will ever hear.

Dies ist mein letzter Post, mein letzter Beitrag zur Community, mein letzter Input in das wissende Feld, mein letzter Knoten ins Netz.

Ich bin raus.

Ich bin weg.

Wir sehen uns auf der anderen Seite des Bildschirms

Um das unausweichliche Ende noch ein wenig hinauszuzögern, will ich noch ein bisschen plaudern. Ein wenig Prosa noch. Wer redet lebt. Noch.

Seit wenigen Wochen bin ich Iron Blogger in OWL. Iron Blogger zu sein ist so ähnlich, wie bei einem Lauftreff mitzumachen. Dort gehen ein paar Läufer eine Verbindlichkeit ein, um das Joggen nicht zu vergessen. Bei den Iron Bloggern verpflichten wir uns, das Bloggen nicht zu vergessen. Wir gruppieren uns, weil wir als Einzelne die Disziplin zur Regelmäßigkeit vermissen lassen. Wer schreibt, der bleibt.

Iron Blogger OWL

Jede Woche – so der Ansporn – soll jeder einen Beitrag im jeweils eigenen Blog veröffentlichen. Dies hätte meiner werden sollen.

Während mir in einigen Woche Ideen für last-voice.de zur Massenkundgebung erscheinen, ist es in anderen Wochen bedrückend ruhig. Dann hilft immer: Joggen für Bloggen. Für ein regelmäßiges Joggen fehlt mir derzeit keinerlei Disziplin und so bin ich heute morgen losgelaufen.

Allerdings auch zum letzten Mal.

Beim Joggen – da kann ich mich ziemlich sicher drauf verlassen – kommen gute Ideen. Doch von meinem heutigen Lauf kehrte ich nicht zurück.

Rückblick

Um das unausweichliche Ende immer noch ein wenig hinauszuzögern, mehr Prosa …

Gestern hatte ich den ganzen Tag genutzt, um an dem Ticketing-System unserer Agentur weiterzuarbeiten. Der gestrige Meilenstein (Kunden können nun auch Notizen zu den Tickets erfassen) war geschafft, so dass ich pünktlich für den Theaterbesuch mit meiner Frau ins Auto stieg.

Es gab Der Tod des Bunny Munro in der Bühnenversion von Nick Cave. Im unserem neuen Theater. Ein Zweipersonenstück. Hervorragend caveish vorgetragen.

Anschließend konnte ich noch die zweite Halbzeit der deutschen Nationalmannschaft gegen Irland sehen und dann gab es noch ein mediales Sahnestück mit Kirsche: Bis um ca. 2:30 Uhr verbrachte ich viel Zeit damit, die vier allerletzten Folgen von Breaking Bad im O-Ton zu bestaunen. Was für ein Fest.

Wenn man die Ohren und Herz bändigende Originalstimme von Jesse Pinkman (Aaron Paul) ein paar Episoden genießen durfte, kann man getrost aus der Welt gehen. Passiert ja auch gleich.

Das hatte ich also erledigt:

  • Familie gegründet
  • Haus gebaut
  • Studium abgebrochen
  • PHP gelernt
  • Radiohead und Melvins live gesehen
  • Eine Waschmaschine repariert
  • Breaking Bad zu Ende geguckt
  • Feueratem gelernt
  • Das neue Pearl Jam Album, das vorgestern erschien, gehört (soeben noch)

Melvins live

Hätte ich schon um kurz vor 3:00 Uhr gewusst, was heute passiert, wäre ich sicher zu dem melancholischen Schluss gekommen, dass es nichts zu bereuen gibt, ich nichts wesentliches verpasst habe und meine Bilanz stimmt.

Lediglich eines habe ich nicht mehr geschafft: Es gab mal diese saugute Idee auf Facebook ab und zu totalen Unfug zu veröffentlichen, um das abhörende und speichernde Internet zu veräppeln, während echte Freunde das sicherlich zu sortieren wüssten. Einfach mal schreiben, dass man Zombies doof findet, Rosinen liebt und sich total auf das neue Bon Jovi Album freut. So was hab ich nie gemacht.

Vielleicht ist es auch schade, GTA V nicht durchgespielt und die Playstation 4 nicht erlebt zu haben, aber immerhin war ich am vorherigen Wochenende im Gelände.

Bilanz stimmt.

Das neue Pearl Jam Album ist ein Geschenk der Götter

Um das unausweichliche Ende noch ein wenig hinauszuzögern Um dem unausweichlichen Ende vielleicht doch noch zu entfliehen, beschloss ich – als ich bereits einige Kilometer zurückgelegt hatte – den Anfang meines heutigen Posts mit einer Menge an Links auf andere Seiten zu spicken. Jeder für sich eine Fluchtmöglichkeit, um last-voice.de zu entkommen. Aber vermutlich klickt sich nicht jeder von Euch raus. Und so passiert das Ende dann doch.

Kurz vorm Joggen hatte ich kurz überlegt, unterwegs das neue famose Pearl Jam Album Lightning Bold zu hören, blieb dann aber bei der probaten Methode, die lauferprobte Musik zu hören, die ich schon lange kenne. Meine Jogging-Playlist war die Wahl.

Joggen

Ich laufe.

Ich laufe und denke an meine Verpflichtung als Iron Blogger.

Ich laufe und versuche etwas in meinem Kopf zu finden, dass es aufzuschreiben lohnt.

Ohne Idee, Impuls, Inspiration erreiche ich oben zwischen den Feldern die kleine Kapelle, von der ich dachte, dass es dort passiert. Ich hatte mit drei Männern, einer Frau und ihren Hunden gerechnet. Ich hatte ein Bild im Kopf von vier Personen, die weitestgehend unauffällig sind, die weitestgehend noch Jäger hätten sein können. Aber auch das nicht eindeutig. Ich war davon überzeugt, dass die Gefahr von der eigentlich eher zurückhaltenden Frau ausgegangen wäre und die Männer ihr mehr oder wenig gefügig gewesen wären.

Ich lief an der Kapelle vorbei. Außer mir war niemand dort.

Zuvor, auf der langen Geraden dorthin hatte mich lediglich ein einziges Auto überholt, das ich erst sehr spät wahrgenommen hatte. Ich lief mitten auf der schmalen Straße, um meine Gelenke vor dem leichten, seitlichen Gefälle der Straße zu schonen. Mit Musik auf den Ohren spürte ich irgendwie das Auto von hinten kommen, so dass der Fahrer nicht einmal hupen musste, was ich möglicherweise auch nicht gehört hätte. Ich lief also an der Straßenseite weiter, das Auto fuhr vorbei und ich erreichte die Kapelle, die ich bald hinter mir ließ.

Es passierte noch nicht.

Vor mir lag noch mehr als die Hälfte der Strecke und ich lief weiter.

Es gibt keine Zufälle

Nach weiteren drei, vier Kilometern war es mir dann sofort klar.

Meine Jogging-Playlist höre ich logischerweise via Random und lasse mir so von meinem iPhone gerne immer wieder neue Lieder aus der langen Liste vorschlagen. Zuvor an der Kapelle wurde mir Common People von Pulp vorgespielt. Nett, flott aber etwas zu wenig Seele, um für mich wichtig zu sein.

Jetzt – drei, vier Kilometer später – waren es Frankie goes to Hollywood mit Last voice die mich wissen ließen.

Jetzt dauerte es nicht mehr lang.

Single Track Road

Ich lief an der Ecke Postweg, Sportplatzweg von hinten auf ein junges Pärchen zu. Wie die „Jäger“ waren auch die beiden eher unbedeutend gekleidet. Aber nicht einmal wie Jäger. Er mit grauem Kapuzenpulli und bolleriger enorm weiter Jeans, sie deutlich chicer mit einer dunkelbrauner Jacke, die ich in der Situation nicht zwischen Leder oder irgendeinem Hightech-Gewebe für Outdoor unterscheiden konnte.

Er hatte einen kräftigen Boxer an der Leine, der gerade „Sitz machte“, sie einen Hund, dessen Rasse ich nicht erkannte.

Als ich nervös an den beiden vieren vorbeilief, schaute er zu seinem Hund nach unten. Sie hingegen blickte mich kurz an und ich weiß bis jetzt nicht, ob da vielleicht ein leichter Gruß von ihr kam.

Was sollte ich nur tun?

Ich lief am Ortseingangsschild vorbei, zählte verzweifelt jeden einzelnen Schritt und irgendwo zwischen 22 und 23 kam der Aufprall.

Für einen dieser bekannten ganz kurzen Augenblicke war ich fest davon überzeugt, dass mich ein Auto getroffen hatte. Ich wurde mit voller Wucht nach vorn geschleudert. Dieses Mal hatte ich es wohl nicht kommen spüren. Doch während ich nahezu ohne Kontrolle nach vorne flog kam der zweite Schlag von hinten.

Kein Auto.

Die Hunde

Meinen letzten Einfluss auf die Bewegung meines Körpers nutzte ich, um den Aufschlag auf den Boden etwas nach links zu verlagern. Ich schlug auf den feuchten, etwas weicheren Seitenstreifen und war froh, statt dessen dem brutal harten Asphalt entkommen zu sein.

Blitzidee: Ich hatte mir erst vor zwei Wochen einen Fahrradhelm gekauft, um diesen als Vorbild auf dem Fahrrad und als nicht mehr ganz so beweglicher Mittvierziger auf den Rollerblades Inlineskates zu tragen. Für ein paar Fragmente einer Sekunde beschloss ich, diesen nun ab jetzt auch beim Joggen zu tragen.

Mein neuer Fahrradhelm

Der erste Biss zerschnitt mir die rechte Achillessehne.

Es ist verrückt, wie viel ein Gehirn in so kurzer Zeit abspeichert. Verrückt, welche Details wichtig erscheinen.

Sollte ich die Musik stoppen, bevor ich die beiden Hundebesitzer um Hilfe rief? Mit Musik auf den Ohren ist Dialog kaum möglich.

Der andere Hund hatte sich in meinem linken Handgelenk festgebissen.

Ich rief mit Musik um Hilfe.

„Wir sind schon da.“ sagte Sie und es erschrak mich, dass die beiden bereits direkt über mir standen und dabei lediglich genug Abstand hielten, um den Hunden nicht im Wege zu stehen. Sie wechselten ein paar Worte, die meisten davon wurden aber von meinen Schreien und dem wütenden Knurren der Hunde dominiert. Stolz waren sie auf die Hunde, so viel konnte ich verstehen.

Ohne Zweifel hatten die Hunde nicht den animalen Körperbau oder die Größe, so dass ich mich nicht hätte wehren können. Die Boshaftigkeit des Ganzen war es, die mich innerlich erstarren und mich dem Gemetzel tatenlos ausliefern ließ.

Die Hunde arbeiteten.

Im Joggen ist die Beziehung zur Zeit recht eng. Ich habe dann ein sicheres Gefühl für Stunden, Minuten und Sekunden. Das war nun nicht mehr so. Ich kann nur erahnen, wie wenig Sekunden vergingen, bis mich unzählige Wunden bluten ließen. Manche klein und oberflächlich, andere leider tief und zerstörend.

Weitere Einzelheiten gehören nicht ins Internet und die klare Sprache des Horrors, so wie er von SAW, Hostel und Co. erzählt wird, ist mir mittlerweile geschmacklos zu wider. Freitag der 13. liegt Jahrzehnte zurück. Und Martyrs ist echt was ganz anderes.

Verrücktes Gehirn

Ich dachte an meine Pflicht als Iron Blogger und dem heutigen Misserfolg, beim Joggen den richtigen Impuls ergattert zu haben. Kein Beitrag mehr von mir. Aber nicht nur das.

Gezielt wütete der Boxer nun nach meiner Kehle. Der andere Hund hatte sich mittlerweile eine andere Stelle ausgeguckt und meine linke Hand war wieder frei. So versuchte ich, meine Kehle mit beiden Armen zu schützen.

Das schien die entscheidende Phase dieses Wettkampfes zu werden.

Kampf.

Dann lachte ich: Als Iron Blogger hatte ich es nicht weit geschafft. Im meinem nächsten Leben würde ich es also als Iron Jogger versuchen. Da hat man mehr von, vor allen Dingen, wenn man „laufend“ dem Bösen in Kombination von Mensch und Hund begegnet.

Bunny

Sie sah ihn an: „Schau mal. Er lacht.“

Zwar waren noch beide Ohrhörer an Ort und stelle, doch auf der rechten Seite war nichts mehr zu hören. Einer der Hunde hatte vermutlich das Kabel zerbissen.

In meinem linken Ohr liefen die letzten Sekunden von Last voice:

„Mine is the last voice you will ever hear.“

Stimmte.

[ EDIT 14.10.13: 2 Tage später ]

4 Gedanken zu „Mine is the last voice you will ever hear.“

  1. Warst du „nur“ sehr stark unterzuckert? Oder handelt es sich bei den Hunden um Metaphern deiner künstlerischen Leiden(s)schaft? Oder doch um eine rüde Hundeattacke? (:)

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